Promotionsprojekt: Translatorisch-dekoloniales Handeln in der postkolonialen Literaturübersetzung (Arbeitstitel)
Abstract des Promotionsprojektes
Die europäische Kolonialzeit ist ein Kapitel der Menschheitsgeschichte, das geprägt ist von Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung. Anders als häufig angenommen liegt der Kolonialismus jedoch nicht in der Vergangenheit, sondern ist auch in der Gegenwart häufig unbewusst weiterhin Teil unseres Alltags.
Ziel des Kolonialismus war es, durch die Aneignung fremder Gebiete und Ressourcen den eigenen Herrschaftsanspruch zu sichern und mehr Macht zu erlangen. Die Rechtfertigung für die Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung der in den kolonialisierten Gebieten lebenden Menschen findet sich im Rassismus als Ideologie, in der Europa sich als maßgebliche Norm für Religion, Kultur, Wissenschaft, Sprache und Politik wahrnimmt und, daraus resultierend, die fremden Strukturen gewaltsam durch die europäischen zu ersetzen sucht. Seinen Ursprung findet der koloniale Rassismus in dem entstehenden eurozentrischen Weltbild und der vorgenommenen hierarchischen Kategorisierung der Menschen nach vermeintlich naturgegebenen, körperlichen Unterschieden. Diese Hierarchisierung der Menschen manifestiert sich auch im Sprachgebrauch, da nun Konstrukte wie ‘Kultur’ und ‘Natur’ einander gegenübergestellt werden. Auf Grundlage dessen ist es nun möglich, dass durch den Rassismus Menschen ihre Menschlichkeit abgesprochen und ihnen unterstellt wird, sie stünden den Tieren, also der ‘Natur’, näher als dem Göttlichen, der ‘Kultur’, dem die weißen Europäer entsprächen. Die vermeintliche Naturnähe und fehlende Kultur werden als Rechtfertigung für die kolonialen Bestreben verwendet, da die kultivierten und damit vernunftbegabten Europäer in der Pflicht seien, die ‘Natur-Menschen’ zu zivilisieren. Die grausame Wirklichkeit des Kolonialismus wird dementsprechend durch Sprache zum einen möglich gemacht, zum anderen legitimiert.
Die Auseinandersetzung mit rassistischen Begriffen unserer Alltagssprache ist fundamental für die Vermeidung von Mikrobeleidigungen in Form von unbewusst rassistischen Handlungen und Mikroentwertungen der Menschen, die durch ebendiese und andere Begriffe entmenschlicht, diskriminiert und unterdrückt werden.
Die Verwendung von diskriminierungssensibler Sprache in Neuauflagen literarischer Werke und Versuche der sprachlichen Darstellung von Vielfalt und Diversität sind Teil einer modernen, gesellschaftlichen Debatte, in der die Verwendung des Mediums Sprache als Spiegel der gesellschaftlichen Wertvorstellungen, Machtstrukturen und Identität diskutiert wird. Der Kolonialismus spielt in dieser Debatte eine zentrale Rolle, da der koloniale Diskurs eine Terminologie der Macht prägte, die zur moralischen Rechtfertigung der Ausbeutung und Unterdrückung der von den Kolonialmächten als die „Anderen“ klassifizierten Menschen konstruiert wurde und die europäische Vorherrschaft legitimieren sollte. Die Diskussion um die diskriminierungssensible Sprache ist Teil des Dekolonisierungsprozesses von Wissen, Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen.
In diesem Promotionsprojekt soll der Umgang mit rassistischem Kolonialvokabular in Literaturübersetzungen durch Gespräche mit professionellen Übersetzer:innen beleuchtet werden. Es sollen Expert:innen aus Europa und Lateinamerika befragt werden, um eine vielfältige Darstellung auf das Thema Kolonialismus gewährleisten und die Bedeutung der postkolonialen Debatte in einem interlingualen Kontext, aber auch auf intralingualer Ebene für den Umgang mit Sprache dokumentieren zu können. Dadurch wird es möglich, verschiedene Umgangsmethoden begründet zu dokumentieren und durch Reflexionen einen relevanten Beitrag zur post- und dekolonialen Debatte in Deutschland zu leisten. Die angewandten Übersetzungsstrategien werden dokumentiert und daraufhin untersucht, welche Strategien in welchem Kontext zu welchem Zweck Anwendung finden. Auch potenzielle Übersetzungsstrategien sollen erarbeitet und auf ihr Anwendungspotenzial hin untersucht werden. Basierend auf diesen Beobachtungen sollen Überlegungen dazu angestellt werden, welches Übertragungspotenzial die Ergebnisse auf die intralinguale deutsche Kommunikation aufweisen und welche Rückschlüsse auf das Potenzial und die Grenzen der Möglichkeiten zur Darstellung von Vielfalt und Diversität in diskriminierungssensibler Sprache im deutschsprachigen Kontext möglich sind.
Informationen zur Person
seit 2025 | Lehrbeauftrage im Bereich Deutsch als Fremdsprache am Institut für Fremdsprachen der Hochschule Karlsruhe |
seit 2024 | Promotionsstudium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (FTSK) |
seit 2021 | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, telc Kursleiterin und Prüferin an der Sprachschule C2 Deutsch in Barcelona, Spanien |
2023 – 2025 | Lehrauftrag an der Universidad Ricardo Palma in Lima, Peru; Kurse: Traducción inversa alemán I, Traducción inversa alemán II, Alemán IV, Alemán V |
2021 – 2023 | M.A. Translation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (FTSK); Sprachen: Deutsch, Spanisch, Französisch |
2020 | Tutorin des Förderkurses DaF (Mentoratge Académic – Assessorament Lingüístic Alemany) für Studierende der Deutschen Abteilung der Facultat de Traducció i d’Interpretació der Universitat Autònoma de Barcelona, Spanien |
2017 – 2021 | B.A. Traducción e Interpretación an der Universitat Autònoma de Barcelona, Spanien; Sprachen: Spanisch, Deutsch, Französisch, Katalanisch |
Publikation
Preuß, Anne-Sophie Maria (2021). Übersetzungsrelevante Analyse eines Romans des poetischen Realismus für eine Übersetzung ins Spanische und funktionsvariierende Übersetzung eines Romanauszuges. Fontane, Theodor (1896): “Effi Briest. Roman“. Bachelorarbeit. Universitat Autònoma de Barcelona. Facultat de Traducció i d’Interpretació. URL: https://ddd.uab.cat/record/249180
Tagungen und Konferenzen
11.03.2025 – 15.03.2025 XXIV. Deutscher Hispanistentag. (Universität Hamburg)
30.01.2025 – 01.02.2025 Sorting and Translating. Politics, Borders, Belongings. (Johannes Gutenberg-Universität)
11.09.2024 – 12.09.2024 Netzwerktagung der deutschsprachigen Diversitätsforschung (Georg-August-Universität Göttingen)
Auszeichnungen
August 2024: Auszeichnung für herausragende Lehrtätigkeit im Semester 2024-I, Universidad Ricardo Palma, Peru
Juli 2021: Matrícula de Honor en el Trabajo Fin de Grado (Auszeichnung für die Bachelorarbeit), Universitat Autònoma de Barcelona, Spanien